Hitler und die Suppenküchen

Eine beliebte Nazi-‚Argumentation‘: Hitler sei doch im Grunde ein herzensguter Mensch gewesen, der sein Volk von den öffentlichen Suppenküchen weggeholt, ihm Arbeit, Brot und ‚Ehre‘ wiedergegeben habe und lediglich – schade aber auch – ab 1939 irgendwie größenwahnsinnig geworden sei.

Ist das so? Schaun mer mal …

1. Wahr ist: Vor Hitlers Amtsantritt im Januar 1933 herrschte in der Weimarer Republik infolge der Weltwirtschaftskrise Massenelend. Die Industrieproduktion war um bis zu 41,8% gesunken.

Im Februar 1932 erreichte die Krise auf dem Arbeitsmarkt ihren Höhepunkt: Es standen 6.120.000 Arbeitslosen, also 16,3 % der Gesamtbevölkerung, nur 12 Mio. Beschäftigte gegenüber. Zu den Arbeitslosen könnte man auch noch die große Masse der schlecht bezahlten Kurzarbeiter und Angestellten zählen, aber auch die kurz vor dem Ruin stehenden Kleinunternehmer. (Wikipedia)

Folge: Viele Menschen waren auf öffentliche Suppenküchen angewiesen, um nicht zu verhungern.Quelle: Bundesarchiv

Nach Hitlers Amtsantritt ging es den Deutschen materiell recht schnell wieder sehr viel besser. Für Hitler-Fans ein klarer ‚Beweis‘ für dessen segensreiches Wirken. Für denkende Menschen zunächst einmal Anlass zur Frage: Kausalität oder nur Korrelation?
Nun, im Prinzip letzteres! Schon aus dem o.a. Zitat ergibt sich, dass der Gipfel der Massenarbeitslosigkeit bereits im März 1932 überschritten war. Die Wirtschaft begann sich zu erholen. Es ging langsam wieder aufwärts.

Und genau damit hatte Hitler ein Problem – denn er war auf das Elend seiner potenziellen Wähler angewiesen! Eine Bevölkerung, der es ohne sein Zutun gut ging, fürchtete er wie der Teufel das Weihwasser. Und genau das war der Trend: Hatte die NSDAP bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 noch 37,4% der Stimmen (= 230 Sitze) geholt, sank deren Anteil im November 32 auf 33,1% (= 196 Sitze), d.h. ca. 2 Mio. Wähler wandten sich von den Schreihälsen dieser Radau-Partei ab – allerdings teilweise der Deutschnationalen Volkspartei DNVP und der KPD zu. Hinzu kamen parteiinterne Querelen und Ebbe in der Kasse, was Hitler zu Selbstmorderwägungen veranlasste:

Wenn die Partei zerfällt, mache ich in drei Minuten Schluss. (Zeit.de)

Tja, hier versäumte er die Möglichkeit einer wirklich guten Tat! Jedenfalls wird klar, dass ihn das deutsche Volk und dessen Wohlergehen jenseits der Stimmvieh-Eigenschaft nicht die Bohne interessierte. Es diente ihm lediglich als Werkzeug für seine verbrecherischen und – allerdings! – größenwahnsinnigen Pläne, was auch in einem seiner letzten Zitate deutlich wird:

Wenn das deutsche Volk den Krieg verliert, hat es sich als meiner nicht würdig erwiesen. (Kriegstagebuch des OKW, 18. April 1945)

Noch Fragen?

2. Eine Kausalität bezüglich Kanzlerschaft Hitlers und wirtschaftlichem Aufschwung bestand also keineswegs – wohl aber war das vordergründig beeindruckende Tempo der Erholung Hitler zu ‚verdanken‘. Ja, unter einer demokratischen Reichsregierung hätte höchstwahrscheinlich alles länger gedauert. Andererseits:

  • Mit selbstverliehenen diktatorischen Vollmachten (Ermächtigungsgesetz) können entsprechende Maßnahmen natürlich leichter eingeleitet werden als per mühsamer Demokratie. Einen Reichsarbeitsdienst hätte es unter einer demokratischen Regierung wohl kaum gegeben.
  • Einen großen Teil zum Wirtschaftsaufschwung trug die explodierendepandierende Rüstungsindustrie bei – unter mehr oder weniger offenem Bruch des Versailler Vertrags.
  • Arbeitskräftebedarf wurde künstlich generiert. Statt zum Autobahnbau Bagger einzusetzen, wurden halt Tausende zwangsweise mit Schippen bewaffnet und eindrucksvoll für die Wochenschau abgelichtet.
  • Mit der Selbstermächtigung, nahezu unbegrenzt Schulden zu machen, lässt sich natürlich in jedem Land der Erde Arbeitslosigkeit wirksam bekämpfen.
  • Dennoch lag die Arbeitslosenquote 1935, zwei Jahre nach der Machtergreifung, noch beträchtlich höher als 1928 vor der Weltwirtschaftskrise.

Soviel zur Mär vom Wohltäter Hitler. Dass die Menschen ihm damals zujubelten, ist angesichts der oft katastrophalen Zwischenkriegszeit mit Millionen tragischer Einzelschicksale verständlich. Ihn heute noch als Retter des deutschen Volkes zu verklären, ist einfach nur hohl.

Vertiefend: Geschichtsblog: Wirtschaftspolitik im Dritten Reich

Über Querdenkmaler

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