[Musik] Die Heldinnen der zweiten Reihe – Tal Wilkenfeld (b)

1. Ich bin verliebt.
2. Ich muss die letzten zehn Jahre Musikgeschichte komplett verpennt haben!

Quell dieser Erkenntnisse: eine YouTube-Session (äh, also Liegung) auf’m Sofa mitsamt der Eingebung „Mal wieder Herbert hören“.


Erster Gedanke: „Was macht das Kind auf der Bühne?“.
Zweiter Gedanke, spätestens beim Bass-Solo ab 3:26: „WOW! Wer ist das?“.
Dritter Gedanke: „Tal Wilkenfeld. Aha. Nie gehört. Feeehler!“.

Von wegen Kind: Diese zierliche, mit 16 auf eigene Faust in die USA ausgewanderte Australierin mit dem englischen Gesicht … nee, wie heißt angelic auf deutsch? …

Ich fang nochmal an:
Wilkenfeld ist zwar kaum größer als ihr Instrument, war aber damals ’schon‘ 23 – und hatte es trotz Teenager-Look musikalisch faustdick hinter den Ohren! Dabei hatte sie erst mit 18 überhaupt das Bassen angefangen (nach vier Jahren Gitarre). Und warum ist sie mir erst jetzt aufgefallen, nachdem sie schon elf Jahre im Geschäft ist?

Nun ja, es mag daran liegen, dass sie außer diesem Gig mit Herbert H. kaum Referenzen vorzuweisen hat. Sie hat eigentlich nie mit Helden der ersten Reihe zusammengearbeitet – ähm, also außer:
den  Allman Brothers, immer wieder H. Hancock, uuund Chick Corea, Prince, Jackson Browne,  Eric Clapton, Steve Lukather, Sting, Todd Rundgren, Keith Urban, Macy Gray, Jimmy Page, Joss Stone, Wayne Shorter, Wayne Krantz, Lee Ritenour, Ryan Adams, Steven Tyler, David Gilmore, Trevor Rabin, Dweezil Zappa, Joe Walsh, Ringo Starr, Brian Wilson, Toto, Rod Stewart, Mick Jagger, Hans Zimmer …

Ups, WordPress weist mich gerade darauf hin, dass ich hier nicht das Internet vollschreiben soll. Vermutlich wäre eine Liste der Stars, die sie noch nicht bebasst hat, kürzer.

Die längste Zusammenarbeit gab es wohl mit dem ebenfalls überall ‚zuhausenen‘ Schlagzeug-Schlachtross Vinnie Colaiuta – bei Hancock, Zappa jun., Ritenour, aber vor allem 6 – 7 Jahre lang immer mal wieder in der Jeff Beck Group.

Apropos: Den guten Jeff hatte ich gar schon vor ca. 30 Jahren aus den Ohren verloren. Gaaanz großer Fehler! Vor allem in Balladen kitzelt er mehr subtile Nuancen aus seiner Strat als jeder andere lebende Gitarrist. Ein besonders schönes Beispiel, musikalisch wie menschlich:

 

Man beachte, wie sichtlich entzückt der Altmeister auf das Bass-Solo reagiert – mit Recht! Fürs Publikum gilt dasselbe – Szenenapplaus! Überhaupt ist alles aus dieser Woche im Ronnie Scott’s mit diversen Gaststars hörens- und sehenswert. Noch ein wunderschönes Beispiel, in dem vor allem Jeff und Vinnie brillieren:

Angel (Footsteps), YT.

Kein Tieftönersolo – und trotzdem zutiefst erbaulich, denn es zeigt die wahren Qualitäten Tal Wilkenfelds:

  • Sie spielt immer melodisch und geschmackvoll; da passt jeder Ton wie das Tüpfelchen aufs I – ganz im Gegensatz zu ihrer virtuos lärmenden Nachfolgerin bei Jeff Beck, Rhonda Smith.
  • Sie ist stilistisch extrem variabel, s. die Liste ihrer Mitmusiker. Sie kann von ‚extrem abgefahren‘ (bei Zappa jun.) über Funk-Sechzehntel (bei Herbert) bis zu Blues- / Rock-Pfundnoten (Clapton, Beck) einfach alles gleich überzeugend.
  • Sie strahlte schon als 20-Jährige gleichzeitig Dynamik und eine unerschütterliche Ruhe aus, die sie zum bombensicheren Fundament einer Band machen. Man achte mal darauf, wie hellwach und konzentriert sie auf ihre Mitmusiker achtet! Nach zig Stunden YouTube habe ich sie nie ‚auf dem falschen Fuß erwischt‘ erlebt.
  • Last but not least entlockt sie ihrem Sadowski einen wunderbar kraftvollen, runden, warmen Sound. So muss Bass!

Eine perfekte Musikerin, wie auch ihr langjähriger Chef attestiert:

She’s a genius! She will pick up mistakes that we, even Vinnie and I, miss.
So she’s a great anchor as well.
– Jeff Beck

Nun gibt es YouTube-Kommentatoren, die Wilkenfeld mit dem indischen Wunderkind (mittlerweile auch Twen) Mohini Dey vergleichen; letztere sei ja viiiel besser.
Nöö. Dey kann wohl technisch perfekt noch schneller spielen, aber für mich klingt das einstudiert und kalt. Musik ist nicht die Formel 1, und eine herausragende Instrumentalistin ist noch lange keine gute Musikerin – dazu gehört mehr (s.o.). Wilkenfeld kann alles spielen, was sie soll und will. Das reicht ja wohl. Punkt.

Weiterhin gibt es Vergleiche mit Jaco Pastorius. Mag sein, muss aber nicht. Mich erinnert sie eher an den gleichfalls universellen Nathan East.

eastwilkenfeld

Ganz nebenbei hatte Tal Wilkenfeld schon mit 21 innerhalb von zwei (!) Tagen (!) das sehr beachtliche, komplett von ihr komponierte und arrangierte Fusion-Jazz-Album Transformation unter ihrem Namen eingespielt, welches z.B. in Serendipity an Stanley Clarke bei Return to Forever erinnert. Natürlich trägt auch ihre kongeniale Studio-Band zu dieser reifen Leistung bei. Aber die Bass-Parts sind einfach göttlich!

Truth Be Told


Break! Als Anhänger der Möller’schen Philosophenschule bin ich ja sehr selbstkritisch, vor allem mir gegenüber. Lasse ich mich bei all den Lobeshymnen vielleicht durch Tals zauberhaften Botticelli-Look beeinflussen?
Nöö. Sicher hat ihr Aussehen bei der Karriere nicht geschadet, und vielleicht hätte ich nie näher hingehört, wenn nicht …

Aber man kann doch davon ausgehen, dass sich all die o.g. Stars nicht mit einem Püppchen unterhalb ihres musikalischen Levels auf die Bühne / ins Studio stellen!
Selbsttest: Transformation (s.o.) auf Apfel-Musik ohne jede Optik durchgehört.
Ergebnis: Dabei kommt Freude auf, das ist musikalisch vom Feinsten, beeindruckend und einfach großartig! Gilt natürlich auch für die meisten Videos von 2007 bis ca. 2013.


Und was ist nun aus dieser musikalisch perfekten, bezaubernden, quicklebendig abrockenden und gleichzeitig mega-coolen Miss Zuverlässig geworden?

(Spoiler: Wer jetzt nicht sehr tapfer sein will, sollte nicht weiterlesen!)

Eine zuweilen arg aufgebrezelte 30-jährige, die beschlossen hat, keine Heldin der zweiten Reihe mehr zu sein – sondern eine Solo-Karriere zu starten. Kann man machen, siehe Transformation.
Jedoch: Bass allein ist ihr zu profan. Sie hält sich für eine begnadete Singer / Songwriterin! Man hätte gewarnt sein können: Schon 2010 gab sie im Rahmen eines dubiosen Hancock-Projekts The Times They Are A Changin‘ zum besten – und sang es eigentlich auch nicht viel besser als der Autor und wohl schlechteste Barde seit Troubadix himself.

Es geistern Videos von ihrem neuesten Oeuvre durchs Netz, die zwischen ‚langweilig‘ (Studio) und ‚grottenschlecht‘ (live) schwanken. Wilkenfelds mit Weltuntergangsmiene hervorgepresste, mittlerweile recht herbe Altstimme klingt immer nölig, oft haarscharf daneben, es gibt keinerlei Hooklines, und auf dem Bass herrscht eine chaotische, affektierte wie übermäßig ‚effektierte‘ Beliebigkeit. Das ist Depri-Rock und das krasse Gegenteil ihrer musikalischen Stilsicherheit als ‚Begleitbassistin‘!

Ich wünsche ihr ja alles Gute, habe aber wirklich ernste Zweifel, ob hier nicht das altdeutsche Sprichwort gilt: „Schuster, bleib bei deinen Leisten“. Jammerschade wär’s schon, wenn sie durch diesen Egotrip in der Versenkung verschwänd

Über Querdenkmaler

Berufe: Jurist, Musiker, IT-Berater. Hobbies: Web-Aktionismus (seit 1999), Musik, Geschichte, Linguistik, Strategiespiele.
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2 Antworten zu [Musik] Die Heldinnen der zweiten Reihe – Tal Wilkenfeld (b)

  1. Johann Wenzlaff schreibt:

    Hallo,
    ich bin einfach fasziniert wie Tal die Grenzen des Bassspielen in’s unendliche überschreitet und zeigt wie dieses unauffällige und brave Instrument zum Superstar wird der endlich von einer genialen Wilkenfeld in die erste Reihe gesetzt wurde.Hoffentlich besinnt Sie sich zurück für das Ihre Bestimmung ist.

    Gefällt 1 Person

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