Westfälisch für Anfänger (1)

Vor langer Zeit in einer Bausparkasse in Schwäbisch Hall: inmitten eines Groß­raum­büro­stimmen­gewirrs von – wie der Name schon sagt – Hall Schwäbisch schwätzenden Menschen plötzlich in der Ferne ein vertrauter Klang! Interviewbedarf!

Ich: Hey, den Slang kenn ich doch! Wo kommst du denn wech?
Er: Heafoad. Wieso?
Ich: Bingo! Hab ich doch gehöat.

Für Ortsfremde: Herford (so die offizielle Schreibweise) ist praktisch ein Vorort der ostwestfälischen Metropole Bielefeld, ihrerseits bekannt durch Fahrstuhlfußball und absolut glaubhafte Verschwörungstheorien. Wenn man im östlichen Münsterland aufgewachsen ist und 12 Jahre in Bielefeld studiert gewohnt hat, erkennt man den (ost)westfälischen Dialekt eben auch unter widrigen Bedingungen. 🙂

Dialekt bedeutet sprachliche Heimat

Das gilt natürlich für jedwede Mundart. Deshalb ist es schade, dass aufgrund der zunehmenden Mobilität und Vermischung deutscher Volksstämme Dialekte zwar nicht direkt aussterben, aber doch zunehmend durch ein glattgebügeltes Standard-Hochdeutsch verwässert werden – außer natürlich in Schwaben:

Ups, sorry, falsches Bild. 😛 Korrektur:

WirkoennenallesDessentwegen ein kleiner Total Immersion Fun-Sprachkursus in Westfälisch – besser: im westfälischen Dialekt des Hochdeutschen! Es gibt auch (noch) das westfälische Platt, unter dem mehrere Dialekte der niederdeutschen Sprache zusammengefasst sind; das ist jedoch:
– echt hardcore (Ohren festtackern!), komplizierter als das norddt. Platt,
– in den regionalen Ausprägungen manchmal selbst-inkompatibel,
– kaum schriftlich niedergelegt,
– (vielleicht deshalb) im Aussterben begriffen.

Vielleicht ist auch das Folgende gewöhnungsbedürftig, aber schwerer lesbar als Twitter-Deutsch ist es m.E. nicht. Und nun viel Spaß beim ‚Übersetzen‘! 😉

1. Die Aussprache

Grundsätzlich wiad dat Silbenende oft vaschluckt und zwaai Silben zu aaina vaschmolzen. Dat is aainklich nix typisch Wes’fälisches. Besondahaaiten gibbet baai folgenden Lauten:

  • CH
    in dea Vaklaainarungssilbe chen wiad zu K. Read & repeat:
    Solln wa ma ’n bissken dat Häsken und dat Pöggsken (Fröschchen) äagan?
  • EI
    wiad besondas braait gesprochen, wobaai dat I auch als Aainzelvokal mit braaitmaulfroschartiga Lippenstellung spitz artikuliat wiad wie ’n langet I in Flieda, aba eben küaza. Read & repeat:
    Und ich sach noch: ‚Gib dat Kind kaain Fisch!‘.
  • G
    am Silbenende wiad nach hellen Vokalen (E, I) als Gaumen-CH (wie in ‚ich‘) gesprochen, nich wie in Süddeutschland als G. Nach dunklen Vokalen (A, O, U) folgt aain Rachen-CH wie in ‚Dach‚. Read & repeat:
    Dea Könich is wech. Dat find ich nich richtich! Mit saain Stellvatreta hab ich kaain Vatrach mit.
    BTW: Dea Vokal voa dem Rachen-CH statt G wiad oft kuaz gesprochen, auch wenn dat in dea Standaadsprache nich so is: Vatrach, mach (mag!), Tach, Zuch, genuch, ABER: verzaacht, kluuch, Luuch unn Truuch …
  • R
    wiad nach Vokalen wie A gesprochen.
    Am Silbenanfang oda hinta Konsonanten wiad aain dubioses Rachen-Ea produzieat. Zu aainem rrrollenden Zungenspitzen-Ea wie dea Spania oda auch aain gewissa H. aus B. is dea Wes’fale anatomisch gaa nich in dea Lage. Selbs dat englische Ea is schon schwierich.


    Exkuas: Wenn spitzzüngige Rhaainländarinnen sich lustich machen tun und maainen, aaine Kaate (neudt.: Map) wäa aaine Hütte, waail se dat mit Kate (nich‘ Royal, sondan aain Kotten) vawechseln, dann solln se sich ers ma üba de aaigene Aussprache beömmeln tun: Kachte geht ja nun gaa nich!


    Read & repeat: Wea dat Ea nich eaht, is Wes’falens nich weat.

  • S:
    Aain Relikt aus dem Niedadeutschen: Dat S und auch Doppel-S am Woatende wiad wie T gesprochen, d.h. die Zwaaite Lautvaschiebung fand hiea nich statt. Vgl. Niederl.: dat, Englisch: that.
    Read & repeat: Wat aain Zufall, dat dat dat gibt!
  • T
    wiad am Silbenende grundsätzlich wechjelassen, aba natüalich nich, wenn et eas‘ aus dem S (s.o.) entstanden is.
    Read & repeat:
    Dat is‘ jetz‘ nich‘ waaita vawundalich, denn Wes’fälisch is‘ ja nich‘ rekuasiv!
    Komplizieate Konstruktionen mit S, D und T und so weaden woat­übagraaifend zu Doppel-S.
    Read & repeat: Da kannsse ma kucken! Da hasse aba Glück gehabt.

Übahaupt wiad nich nua mit Silben, sondan auch mit ganzen Wöatan geane ‚Aus 2 mach 1‘ vaanstaltet:
Read & repeat: Eyh, hömma, eyh! Komma baai mich!
Unn damit sind wa schon mittendrin inne waahhaft revolutionäare Grammatik – und am Ende von diesa Folge.

=> Teil 2 (Grammatik)

Über Querdenkmaler

Berufe: Jurist, Musiker, IT-Berater. Hobbies: Web-Aktionismus (seit 1999), Musik, Geschichte, Linguistik, Strategiespiele.
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Eine Antwort zu Westfälisch für Anfänger (1)

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