„Nationalkonservativ“ – macht das Sinn? Und warum nicht?

Wer politisch irgendwo rechts von der Mitte steht, ohne sich gleich durch extremen Rassismus und Nationalismus das Prädikat ‚Nazi‘ zu verdienen, bezeichnet sich gern als „nationalkonservativ“. Ist das eine legitime Einstellung? Ist eine nationalkonservative Weltsicht sinnvoll? Dröseln wir die mal auf – von hinten nach vorn.

Konservativismus

Konservieren heißt bewahren. Zum Beispiel halten sprachlich Konservative das Deutsch, das sie in der Schule gelernt haben, für den Höhepunkt der Sprachentwicklung, den es zu bewahren gilt. Sie jonglieren gern mit lateinischen, griechischen, französischen, italienischen, ja sogar arabischen Fremdwörtern, weil es die „schon immer“ gab. Sobald sich aber ein Anglizismus ins Deutsche einschleicht, geht angeblich unsere Muttersprache  zugrunde.

Damit sind wir bereits bei der entscheidenden gedanklichen Schwäche des Konservativismus: Der zeitliche Horizont seiner Vertreter umfasst lediglich die eigene Lebensspanne. Sprachkonservative gab es schon zu Zeiten des Alten Ägyptischen Reiches, und in jedem Jahrhundert behaupteten Konservative, Sprachwandel bedeute Sprachniedergang. Wenn dem so wäre, würden wir heute nur noch grunzen. Mehr dazu auf meiner alten Website Denglisch4ever!

Zwischenfazit:
Konservativismus ist albern – und zwar nicht nur in Bezug auf Sprache.

Den politischen, technischen, ökonomischen und kulturellen Fortschritt (wertneutral) haben Konservative in der gesamten Menschheitsgeschichte nie entscheidend aufhalten können. Allenfalls können Konservative versuchen, den Lauf der Dinge mehr oder weniger zu verlangsamen, so dass es während ihrer Lebensspanne möglichst wenig Änderungen gibt. Nun kann sich etwas zum Guten wie zum Schlechten ändern; das Problem ist nur: Konservative finden fast jede Änderung schlecht! Es muss etwas mit geistiger Flexibilität zu tun haben.

Diese ‚Nach mir die Sintflut‘-Mentalität kann durchaus fatale Folgen haben – für alle! Der Fluss des Fortschritts wird von Konservativen solange aufgestaut, bis die Staumauer nicht mehr standhält und sich alles Angestaute schlagartig in einer verheerenden Überschwemmung entlädt. Politisch nennt man sowas Revolution. Und Revolutionen haben langfristig – mit Ausnahme der französischen 1789 – die Menschheit nie wirklich glücklicher gemacht. Vgl. Lenins Oktoberrevolution und den Arabischen Frühling in Jahrzehnte lang ’stabilen‘ Staaten, in denen einige ihr Machtmonopol konservieren wollten. Wäre da nicht politische und soziale Evolution statt Revolution die bessere Lösung gewesen?

Übrigens gibt es auch einen ‚linken‘ Konservativismus, z.B. bei Globalisierungsgegnern. Wie albern ist das denn? Die Globalisierung ist nichts, worüber man noch entscheiden kann; sie ist Fakt! Genausogut könnte man gegen die Schwerkraft demonstrieren!

Das führt direkt zum Etikettenschwindel, der sich mit dem Label ‚konservativ‘ vorzüglich betreiben lässt. Denn auch Reaktionäre, die das Rad der Zeit zurückdrehen statt nur anhalten wollen, bezeichnen sich gern als ‚konservativ‘. Beispiel: die Kaczynski-Mafia, die das bisherige EU-Musterland Polen politisch anscheinend in die 1930-er Jahre zurückkatapultieren will, vgl. diese bereits 2006 erschienene Analyse.

Zwischenfazit:
Konservativismus ist nicht nur albern (damit könnte man ja leben), er ist schädlich.

Nationalismus

Nationalismus: eine sinnvolle Sache. Im 19. Jahrhundert! Im Sinne von nation-building. Obwohl der Begriff ‚Nation‘ äußerst schwammig ist. Deutsche auf dem Flickenteppich von Königreichen und Mini-Fürstentümern definierten sich schon vor 1871 primär aufgrund der – naja – gemeinsamen Sprache als Nation. Was sie wirklich wollten, war ein deutscher Gesamtstaat bzw. in zeitgenössischer Verschwurbelung: ein Deutsches Reich.

Nachdem dies existierte, gab es keinen Grund mehr für Nationalismus im o.g. Sinne. Stattdessen breitete sich – nicht nur in Deutschland – nationaler Chauvinismus aus. Dieser definiert sich im Gegensatz zum Patriotismus nicht nur durch ‚Liebe zum Heimatland‘, sondern auch durch die Abwertung anderer Nationen („Der Franzmann“). Am deutschen Wesen sollte die Welt genesen.

Apropos ‚Liebe zum Heimatland‘: Kann man so ein abstraktes Gebilde wirklich lieben? Ein früherer Bundespräsident meinte dazu m.E. sehr richtig:

Ich liebe nicht den Staat; ich liebe meine Frau. (Gustav Heinemann)

Aber nehmen wir mal an, dass man ein Land lieben kann: Die angeblichen Patrioten von Pegida tun das jedenfalls nicht! Wer hier bürgerkriegsähnliche Zustände herbeilügen und die repräsentative Demokratie, frei nach Churchill die am wenigsten schlechte Staatsform, abschaffen will, kann sein Land nicht wirklich lieben. Pegida & Co. sowie die AfD sind einfach nur billige Nationalisten.

Nationalismus von Polen, Griechen, Ungarn, Tschechen usw. hat die EU, die m.E. auf einem guten Weg war, wenn nicht zerstört, so doch nachhaltig geschädigt. Last but not least: Nationalismus – nicht nur auf deutscher Seite – führte nun mal zu zwei Weltkriegen! Was bitte soll daran gut sein???

Nationalkonservativismus

Die Kombination aus einer zumindest fragwürdigen und einer eindeutig negativen Haltung kann logischerweise nichts Positives hervorbringen. Auch wenn Nationalkonservative keine Nazis sein mögen: Sie fördern den Rechtsextremismus, denn die politische Schnittmenge ist groß: Beide Richtungen halten Deutschland und (natürlich nur ‚reinrassige‘) Deutsche für den Nabel der Welt. Real zündelnde Neonazis berufen sich auf die geistigen Brandstifter unter den Nationalkonservativen.

Auch hier lohnt wieder ein Blick zurück:
Wer spielte in den Jahren vor der „Machtergreifung“ den Steigbügelhalter für Hitler und wurde 1933 nach einer kurzen Koalition mit dem vermeintlichen Papiertiger von diesem ‚gefressen‘? Richtig, die Nationalkonservativen der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP).

Aktuell findet ähnliches innerhalb der einst nationalkonservativen AfD statt, die immer weiter nach rechts abdriftet, ihre Gründer ‚entsorgt‘ hat und in der selbst eine menschenverachtende Frauke Petry sich nicht gegen noch menschenverachtendere Demagogen wie Höcke und von Storch durchsetzen kann. Auch Pegida wird – wie nicht anders zu erwarten – zunehmend von Rechtsextremisten und -terroristen unterwandert. „Nützliche Idioten“ wäre wohl der passendere Ausdruck für „besorgte Bürger“.

Fazit:

Nationalkonservativismus ist nicht nur albern und nicht nur für das gedeihliche Miteinander in einer globalisierten Welt schädlich, sondern kann auch für seine Vertreter selbst böse enden. Nur mal so zum Nachdenken, ‚liebe‘ Nationalkonservative.

Über Querdenkmaler

Berufe: Jurist, Musiker, IT-Berater. Hobbies: Web-Aktionismus (seit 1999), Musik, Geschichte, Linguistik, Strategiespiele.
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4 Antworten zu „Nationalkonservativ“ – macht das Sinn? Und warum nicht?

  1. rainerpeffm rcpffm schreibt:

    ausgezeichnet, kurz und knapp auf die zentralen Punkte gebracht.

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  2. re2tko2vski schreibt:

    Konservative erkennt man daran, dass sie lieber Beatles und Stones hören als Beyoncé und Bieber 😉

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    • Querdenkmaler schreibt:

      Zumindest gibt es von den Beatles nur noch Konserven. 😉
      Ja, ich höre auch lieber Stones als Bieber. Das hat aber nichts mit dem Alter – weder der Musiker noch meinem – zu tun, sondern lediglich mit einem gewissen Qualitätsanspruch.
      Es gibt jede Menge geniale junge Musiker.
      Wenn die Bewahrung des Alten die Akzeptanz des Neuen nicht ausschließt, ist nichts dagegen einzuwenden. Bei Konservativen ist das jedoch nicht der Fall.

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