„Paris und wie es weitergeht“

Es ist etwas Schreckliches passiert bei unseren europäischen Nachbarn. Und schon kriechen sie aus ihren Löchern wie die Regenwürmer bei Niederschlag:
die ach so klugen Kommentatoren in sämtlichen Medien inkl. der ’sozialen‘, die ganz genau wissen,
– wer schuld ist,
– was jetzt zu tun ist.

Die allergrößten Pharisäer maßen sich gar ein Urteil darüber an, ob es denn moralisch vertretbar sei, sein Facebook-Foto mit der Tricolore einzufärben, wo doch in allen Teilen der Welt täglich viel mehr Menschen umkommen. Haben wir eigentlich sonst keine Probleme? Facebook hat es mir angeboten, ich habe das Angebot für die Querdenkmal-Seite spontan angenommen und für meine private Witz-Seite ebenso spontan abgelehnt; es passte IMHO nicht in den Kontext. So what? Natürlich nützt es nichts. Es schadet aber auch nicht, verdammt noch mal! Was gibt es da zu diskutieren?

Stellvertretend für alle anderen soll hier ein Paradebeispiel für selbstgefällige Klugscheißerei betrachtet werden, welches sämtliche stereotypen Plattitüden in wenigen Video-Minuten zusammengefasst:


„Christoph Sieber über Paris und wie es weitergeht“
Untertitel: „Krieg…ich höre nur noch Krieg…..habt ihr sie nicht mehr alle? [sic]“


Krieg?

Der IS führt laut eigener Propaganda Krieg gegen die „Ungläubigen“ und die westliche Zivilisation. Wieviel Realitätsverweigerung gehört zur sinngemäßen Aussage: ‚Wir aber dürfen uns nicht im Krieg befinden! Wenn Hollande und Gauck dieses Wort auch nur in den Mund nehmen, verdirbt es uns das wohlige Bad in unserer moralischen Überlegenheit‘?

Kleiner Ausflug in die Geschichte des 2. Weltkriegs, aus der viele partout nichts lernen wollen:
Wäre es Polen und der UdSSR besser ergangen, wenn sie bei den Überfällen durch die Wehrmacht die Kriegsführung einfach verweigert hätten?
Frankreich (!) ignorierte zunächst den Kriegszustand und hielt militärisch acht Monate die Füße still – bis zum optimalen Angriffszeitpunkt für die Gegenseite. Sollte diese Fail-Strategie wirklich ein weiteres Mal angewendet werden?

Terror

Wollen wir jetzt tatsächlich weitermachen? Mit gezielten Drohnenschlägen, die ja nichts anderes sind als der Terror des Westens? (Video, 00:43 ff.)

Hachgottja – diese ebenso überflüssige wie falsche Floskel musste unbedingt zum 4711. Mal wiedergekäut werden. Al-Kaida, IS & Co. ermorden in voller Absicht unschuldige Zivilisten, die ihnen nie ein Haar gekrümmt haben; das ist Terror.
US-Soldaten töten die Urheber dieses Terrors mit – eben! – „gezielten“ Drohnenschlägen. Natürlich ist es ehrlich zu bedauern, wenn es dabei (übrigens relativ selten) unschuldige Opfer gibt. Also die Massenmörder ungeschoren davonkommen lassen inklusive Facebook-Einladung zur Veranstaltung ‚Fröhliches Weitermorden‘? Oder vielleicht doch Flächenbombardements mit tausendmal mehr Kollateralopfern – Hauptsache, nicht „gezielt“, weil Zielen irgendwie mit der eigenen moralischen Scheinheiligkeit kollidiert?

Opfer und Täter

Vorweg: Einigen Aussagen ist durchaus zuzustimmen. Es ist wirklich menschen- und werteverachtend, wie europäische Bürokraten Flüchtlinge (= Opfer) zur Manövriermasse national(istisch)er Egoismen degradieren und die Opfer von Paris zur rechten Hetze gegen Flüchtlinge und Muslime missbraucht werden. Jedoch:

… denn wir sind nicht die Opfer, wir sind die Täter, wir sind der viertgrößte Waffenlieferant der Welt (Video, 02:18 ff.)

Genau, das durfte nicht fehlen – als ob es kein Überangebot an Waffen in der Welt gäbe. Als ob nicht Russland, die USA, China, Tschechien oder – bittere Ironie – Frankreich direkt oder auf Umwegen sämtliche Terrororganisationen mit einer ‚ausreichenden‘ Anzahl von Waffen belieferten, wenn die deutsche Waffenindustrie ab morgen Schoko-Weihnachtsmänner produzieren würde. Am deutschen Moralapostelwesen soll mal wieder die Welt genesen? Lächerlich. Eher fällt uns morgen ein Asteroid auf den Kopf.

Auch kurios: Aus der Tatsache, dass die einen Opfer sind, zu schließen, dass die anderen Täter sind. Wir sind hier nicht in einem schlechten Krimi. Die gesamte Menschheit war und ist das Opfer der eigenen menschlichen Unzulänglichkeit, die aus Krieg, Mord und Totschlag den Normalfall in allen Zivilisationen zu allen Zeiten gemacht hat; Ausnahmen wie die 70-jährige Friedensperiode in Zentraleuropa als normal zu betrachten, ist realitätsfernes Wunschdenken.
Wir sind alle Opfer!

Gewalt und Gegengewalt

Richtig, Gewalt erzeugt Gegengewalt und ist deshalb oft keine Lösung.
Oft? Nie! Oder? Man erinnere sich an den Völkermord durch die Serben in den 1990-er Jahren. Während „Old Europe“ däumchendrehend zusah und sich ob seiner Verachtung von Krieg und Gewalt auf die Schulter klopfte, beendete die NATO unter Führung der USA diesen Genozid – mit roher militärischer Gewalt!

‚Keine Gegengewalt‘ bedeutet eben nicht automatisch das Ende von Gewalt. Wenn der Westen den IS mit rosa Wattebäuschen bewirft, sagt Chefterrorist Abu Bakr al-Baghdadi: ‚Ach, wie lieb von euch! Dann hören wir jetzt auch auf und pflanzen wieder Blumenkohl‘? Wie naiv muss man sein …?

Es gibt keine allgemeingültige Lösung für die elende Spirale aus Gewalt und Gegengewalt. Eines jedoch sollte klar sein: Wenn schon Gegengewalt, dann massiv! Es nützt rein gar nichts, wenn Russen, Amis oder Franzosen jeden Tag ein IS-Lager mit vier Jagdbombern heimsuchen. Die einzige Chance: täglich jedes IS-Camp zu bombardieren, bis den Terroristen sämtliche logistischen Grundlagen entzogen sind. Es gab schon bisher Anzeichen, dass das IS-Fußvolk zu einem großen Anteil aus Schönwetterkriegern besteht, die terrortypisch nur Wehrlose massakrieren können und auf einen gewissen Luxus nicht verzichten mögen.

Und wer ist nun schuld?

Die Frage nach der Henne und dem Ei – und somit irrelevant. Sicher hat die westliche Intervention im Irak diese doch ’solide‘, wenn auch ein bisschen menschenverachtende und massenmörderische Diktatur destabilisiert. Ähnliches gilt für die Unterstützung der syrischen Rebellen in der reichlich blauäugigen Hoffnung auf einen weiteren Arabischen Frühling. Afghanistan hingegen war schon vorher destabilisiert.

Ja, der Westen hat die Herkunftsländer der Terroristen wirtschaftlich ausgebeutet. Ausgebeutet wurden jedoch auch Indien, China, die Philippinen, Bolivien, Gabun usw. etc. pp.. Sind aus diesen Ländern jemals Selbstmordattentäter nach Europa oder Nordamerika geschickt worden? Wieviel Promille-Bruchteile aller benachteiligten, misshandelten Menschen auf der Welt werden zu Terroristen? Liegt es nicht doch im Charakter jedes Einzelnen?

Fazit

Ich weiß es nicht. Ich habe keine Lösung. Die Welt ist zu komplex als dass irgendjemand sie auch nur annähernd begreifen kann. Wenn schon führende Politiker mit all ihren Beraterstäben und Geheimdiensten im Rücken keine oder keine brauchbaren Lösungen finden – wie soll Otto Normalbürger dazu in der Lage sein?

Warum kann man sich dies nicht eingestehen? Warum sondern in diesen Tagen so viele, anmaßend bis zum Gehtnichtmehr, ihre vermeintlichen Patentrezepte auf Facebook oder sonstwo ab? Warum bezichtigen Selbstdarsteller andere Selbstdarsteller der Selbstdarstellung? Ich weiß es nicht. Die Behauptung, es zu wissen, sei anderen überlassen.

Herrn Sieber und anderen Berufsbetroffenen (was macht eigentlich Claudia Roth?) könnte man vorschlagen:
Reisen Sie nach Rakka und tragen Sie Ihre Sprechblasen mit erprobter staatstragender Attitüde Herrn al-Baghdadi vor:

Versöhnen statt spalten! …
Jeder Mensch auf der Erde hat ein Recht auf ein Leben in Freiheit und in Würde. …
Freiheit, Brüderlichkeit und Einigkeit über alles! …
Keinen Fußbreit den Intoleranten! …
Friede sei mit uns …

Betrachten Sie es als Akt der Nächstenliebe! Auch ein Terrorist möchte mal was zu lachen haben.

Über Querdenkmaler

Berufe: Jurist, Musiker, IT-Berater. Hobbies: Web-Aktionismus (seit 1999), Musik, Geschichte, Linguistik, Strategiespiele.
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8 Antworten zu „Paris und wie es weitergeht“

  1. Beate schreibt:

    Ganz schön viele Punkte sprichst du hier an und mit deinem Fazit, dass die Welt einfach zu komplex geworden ist, damit wir es als Ottonormalverbraucher persönlich noch verstehen, geschweige denn, eine Lösung finden können, stimme ich dir absolut zu…
    Dass sich Leute aber Gedanken machen, ob nun mit intelligenten Aussagen oder nichtssagenden Plattitüden oder auch dummem Geschwafel, ist aber (zum Glück , denke ich) normal, wenn so etwas geschieht, denn da versucht der Mensch etwas zu verarbeiten, was man eigentlich gar nicht verstehen kann… Denn was wäre die Alternative? Gleichgültigkeit?!
    Jetzt noch ein paar Nachsätze zum Thema „sein Facebook-Foto mit der Tricolore einzufärben“, denn dazu habe ich schon eine andere Meinung, auch auf die Gefahr hin, dass du mich als „allergrößten Pharisäer“ bezeichnest. 😉
    Wenn du jedoch gemeinsam an deinem eigenen Küchentisch mit einem 19-jährigen syrischen Jungen sitzt, der dir mit stockender und tränenerstickter Stimme erzählt, dass erst vor wenigen Tagen eine Autobombe 23 seiner ehemaligen Kommilitonen zerfetzt hat und du dich dann wunderst, warum du davon gar nichts in den Medien gesehen hast, dann bist du vielleicht auch wenig vorbelastet, wenn es darum geht, Solidarität mit nur einem einzigen Land zu bekunden…
    Und so habe ich dann doch mal auf meinem Blog dazu Stellung bezogen, nicht, um mich als allergrößten Pharisäer aufzuspielen, sondern in der Hoffnung, die Welt ein wenig wach zu rütteln…

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    • Querdenkmaler schreibt:

      Danke für den konstruktiven Kommentar, der mir zeigt, dass wir sooo weit gar nicht auseinander sind. 🙂
      Natürlich kann und soll sich jeder Gedanken machen. Aber muss man sich mit seinen wiedergekäuten Plattitüden und wolkigem Geschwafel unbedingt per FB-Video in Szene setzen? OK, ich freue mich auch über jeden Like und blogge vielleicht auch nur aus Eitelkeit, aber ich habe zumindest versucht, beide Seiten der Medaille zu betrachten.
      Platte Einseitigkeit (der Westen ist an allem schuld) bringt keinen Erkenntnisgewinn.

      Bzgl. der Tricolore hast du mich und andere FB-User vielleicht missverstanden. Sie bekundet keineswegs „Solidarität mit nur einem einzigen Land“. ‚Meine‘ Syrer haben mit zwar nichts über den Horror in ihrer Heimat erzählt, und ich habe auch nie nachgefragt, um nicht frisch vernarbte Wunden wieder aufzureißen. Aber sie werden ihr einstmals glückliches Leben dort nicht aus Jux aufgegeben haben!

      Vielleicht hätte ich schon vor Monaten eine syrische Flagge gepostet, wenn FB es in dieser Form angeboten hätte. Vielleicht – weil diese eigentlich ein Symbol des Assad-Regimes und nicht der Menschen dort ist. Ich halte grundsätzlich wenig von Flaggen. Aber: Bzgl. Frankreich kann man sich als Europäer eben nicht nur mit den Menschen, sondern auch mit dem Staat identifizieren. Ketzerische Frage: Sollte man die IS-Flagge posten, wenn Angehörige getöteter Dschihadisten um ihre Liebsten weinen?

      Ich lese sehr wohl Meldungen über Attentate in allen möglichen Ländern, obwohl die in den Medien unter ‚ferner liefen‘ rangieren. Ja, die Opfer und deren Angehörige verdienen genauso viel Mitleid und Solidarität. Aber der Mensch ist nun mal nicht perfekt. Wer sich das Elend der ganzen Welt auflädt, wird daran zerbrechen, und niemandem ist damit geholfen. Dann lieber selektive Solidarität und Hilfe im Einzelfall!

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      • Beate schreibt:

        Ich glaube, dass ich mich am meisten von deiner Aussage „So what? Natürlich nützt es nichts. Es schadet aber auch nicht, verdammt noch mal! Was gibt es da zu diskutieren?“ gestört fühlte.
        Denn ich weiß, aus eigener Erfahrung, es schadet ganz vielen Seelen, die sich übergangen fühlen und resignieren, jemals wichtig genommen zu werden. In ihrer Resignation und Traurigkeit sind sie aber nicht laut, sondern man muss schon ganz genau hinhören und hinschauen, um das zu bemerken…
        Und da rebelliert es dann in meiner lauten, westlichen Seele, die dann nach Gerechtigkeit schreit.
        Und nein, meiner Meinung nach sollte man überhaupt keine Flaggen posten. Wofür? Wenn jeder Mensch ein bisschen Mitgefühl und ZEIT dafür aufbringt, nur ein kleines bisschen für die Menschen zu tun, die Opfer dieses Terrors sind, dann würde das ein bedeutend größeres Zeichen setzen, als es eine Flagge je tun könnte. Weit suchen muss man in Deutschland zu diesen Zeiten wahrhaftig nicht, um hier helfen zu können…
        Interessanterweise haben in meinem sozialen Netzwerk aber auch wirklich nur diejenigen die Flagge gehisst, denen es sonst am Ar*** vorbei geht, was mit den Opfern des Terrors aus anderen Ländern geschieht.

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        • Querdenkmaler schreibt:

          Verstehe. Zugegeben, ich habe nicht lange – vielleicht nicht lange genug – darüber nachgedacht, als FB mir diese Solidaritätskundgebung per Flagge vorschlug. Siehe aber auch vorige Antwort (syrische Flagge).
          Ich tue ja was für Terroropfer / Flüchtlinge. Ich würde gern noch mehr tun; das scheiterte bisher an einem Bandscheibenvorfall, aber ganz sicher nicht am 3-sekündigen Posten einer Flagge auf Facebook. Das schließt sich doch nicht gegenseitig aus. Für die Leute in deinem sozialen Netzwerk kann ich nichts. 😉
          Peace 🙂

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    • Querdenkmaler schreibt:

      P.S.: Mit „allergrößten Pharisäer“ meine ich diejenigen, die den Tricolore-Usern vorwerfen, sich nur produzieren zu wollen, aber genau dies als selbsternannte Tugendbolde selber tun. Das war gemeint mit: „Warum bezichtigen Selbstdarsteller andere Selbstdarsteller der Selbstdarstellung?“
      Sich grundsätzliche Gedanken darüber zu machen finde ich hingegen völlig legitim.

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  2. rainerpeffm rcpffm schreibt:


    Es gab schon bisher Anzeichen, dass das IS-Fußvolk zu einem großen Anteil aus Schönwetterkriegern besteht, die terrortypisch nur Wehrlose massakrieren können und auf einen gewissen Luxus nicht verzichten mögen.

    sic !

    und auf der Suche nach dem „Sinn“ sich restlos verlaufen haben …

    … und großteils wohl nur unter Drogen operieren …

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    • Querdenkmaler schreibt:

      … wobei das mit den Drogen kein Alleinstellungsmerkmal des IS ist. Aufputschmittel für Soldaten gab und gibt es wohl bei allen Nationen: bzgl. Soldaten der Wehrmacht (Pervitin) und US-Kampfpiloten habe ich schon einiges darüber gelesen.

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      • rainerpeffm rcpffm schreibt:

        klar.
        aber für die „Vergangenheit“ der meisten dieser Djihaddisten ist es wohl typisch.
        Obwohl Mohammed doch den Gebrauch von Drogen, ähnlich wie Alkohol, abgelehnt hat.
        Die Djihaddisten fahren übrigens alle begeistert Auto (westlich dekadent, die Burschen) und kriegen 500-600$ im Monat (fürstlich für dortige Verhältnisse !). Was sie damit wohl kaufen, ihre Familien in Europa oder sonstwo unterstützen sie wohl kaum.

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