Von Wissenschaft nichts wissen, aber Aberglauben glauben (2)

-> Teil 1

Abergläubische …

  • … aber glauben, beim Anblick verglühender Meteoriten die Notrufleitungen der Polizei lahmlegen zu müssen. Also selbst wenn da übelgelaunte Aliens am Nachthimmel rumkutschierten – alle einschlägigen Hollywood-Filme haben doch längst bewiesen, dass füllige Dorfsheriffs für den Kampf gegen garstige Space-Schurken waffen- und combat-technisch … ähm … asymmetrisch gerüstet sind; da helfen auch keine taktischen Hosenträger. Häh?
  • … aber glauben, die SWR3-Pisa-Polizei wollte sie vergiften. Skrupellose Radioreporter boten an einem heißen Sommertag in der Fußgängerzone kostenloses Mineralwasser an – allerdings mit dem Hinweis, der Sprudel sei – HUCH! – mit CO2 versetzt. Wohlinformierte Passanten lehnten zu 90% dankend oder auch unter wüsten Beschimpfungen ab.
  • … aber glauben, auch Chlorhühnchen seien eine Art Chemiewaffe und TTIP die Trägerrakete, mit der US-Imperialisten die Europäer ausrotten wollen. Dabei nehmen skrupellose KFC-Bosse und natürlich die CIA verheerende Kollateralschäden in der eigenen Bevölkerung in Kauf: Dass laber-laber-laber laaaber in Amerika talk-talk-talk taaalk heißt, ist ja kein Zufall! Bis Anfang dieses Jahrzehnts konnten die Meister der Machenschaften sogar den Begriff chlorine chicken völlig geheimhalten, obwohl die Amis ’schon immer‘ mit den Viechern vergiftet wurden. Also dann doch lieber wirtschaftlicher Niedergang und Antibiotika-Resistenz!
  • … aber glauben, in rotem Plastiktüten-Outfit (Karl Lagerfeld erbarme sich!) und mit fanatischem Trillergepfeife zu verteilendes Kapital beliebig vermehren zu können. Schließlich hat man mit derlei Mummenschanz schon im vorigen Mittelalter böse Geister in die Flucht geschlagen; warum sollte das mit dem gramgebeugten Bilanzbuchhalter von heute nicht ebenso funktionieren?
  • … aber glauben, Gentechnologie sei des Teufels – also Genmanipulationen durch den Menschen, der nur aufgrund evolutionärer Mutationen überhaupt existiert – also Genmanipulation durch den Menschen, aber nicht durch Zucht, d.h. seit Jahrtausenden erfolgreich praktizierte Genmanipulation. So oder so, seit der bahnbrechenden Dokumentation ‚Angriff der Killertomaten‘ ist diese schöne heile Gen-Welt gründlich aus den Fugen geraten!

    Zig Millionen Menschen in der Dritten Welt könnten durch genmodifizierte Pflanzen vor dem Hungertod gerettet werden könnten? Warum sollte das hiesige „FeldbefreierInnen“ mit solch hübschen Namen wie „Holger Isabelle J.“ interessieren? Es gibt doch nur einen Weg, der Verbreitung von Killergenen wirkungsvoll Einhalt zu gebieten: vandal-aktivistisch aus dem Boden rupfen und abtransportieren! Eigentlich lässt sich die aberwissenschaftliche Diskussion im Verkaufsargument einer resoluten bayrischen Marktfrau zusammenfassen:

    Dös is ois Bio! Do san koane Gene herinnen!

    Ja dann …

Die Liste ließe sich nahezu beliebig fortführen; schließlich ist es von CO2 bis zum Klimawandel und von Gentechnik bis zum Gendergedöns nicht mehr weit. Aber dazu wird es dereinst separate Beiträge geben.

Nur noch folgende Frage: Ist Aberglaube nun ein exklusive Geisteshaltung randalierender Realitätsverweigerer, parallelgesellschaftlicher Pappnasen und fanatischer Vollpfosten? Aber nein! Auch vermeintlich intelligente, rationale Entscheider in Regierungen und Vorstands-Etagen sind vor dieser Seuche keineswegs gefeit: Zum Beispiel glauben tatsächlich einige hochrangige Politiker und Manager, dass anno 2017 ein Hauptstadtflughafen, der auf einem alten Indianerfriedhof errichtet ist, den Betrieb aufnehmen wird – mit ausreichender Kapazität. Erschütternd …

Über Querdenkmaler

Berufe: Jurist, Musiker, IT-Berater. Hobbies: Web-Aktionismus (seit 1999), Musik, Geschichte, Linguistik, Strategiespiele.
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5 Antworten zu Von Wissenschaft nichts wissen, aber Aberglauben glauben (2)

  1. Khaled schreibt:

    Eine Anmerkung hinsichtlich „Chlorhühnchen und TTIP“:
    Zunächst einmal ist Freihandel an sich – für alle daran Beteiligten – eine sehr gute Sache, sonst könnten wir keine gescheiten Bananen essen, südländische Weine trinken, asiatisches „Elektrozeug“ kaufen oder Chinesen unsere deutschen Autos fahren etc. pp.

    Die Kernfrage eines solchen Abkommens ist aber, zu welchen Regeln und Nebenbedingungen man das Freihandeln vereinbart. Wie sieht die Rechtsgrundlage genau aus? Verträge? Regelverletzungen: Wer entscheidet (welche Instanzen) über welche Maßnahmen und zu wessen Gunsten? (commitments and penalties).
    Wird bspw. der Schutz eines beteiligten Unternehmens höher gestellt, als die demokratischen Entscheidungen & Gesetzte eines Landes? Wann darf ein Unternehmen gegen den Staat klagen und mit welchen Aussichten? Was passiert wenn der Staat bspw. Gesetze ändert, die die Gewinne eines Unternehmens negativ beeinflussen? Es geht im Übrigen nicht nur um erzielte Gewinne, es reicht schon eine Gewinnerwartung zu haben um darauf klagen zu dürfen.

    Ich erwarte hier nicht wirklich Antworten darauf, aber wenn man nun TTIP rein auf „Chlorhühnchen-Niveau“ debattiert, was nicht auf dieses Webblog zurückzuführen ist, da das Thema ja bereits reichlich in nahezu allen Medien präsent war, lenkt man dadurch vom eigentlichen Thema ab und somit TTIP auf ein harmloses Niveau herabsetzt.

    Der Staat darf sich nicht alles Wichtige aus der Hand nehmen lassen!

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  2. Querdenkmaler schreibt:

    Richtig, meine Aberglauben-Polemik bezieht sich darauf,
    – TTIP auf Chlorhühnchen-Niveau zu diskutieren,
    – und das ohne jede wissenschaftliche Basis.

    Ernstzunehmende Menschen debattieren stattdessen über die geplanten Schiedsgerichte.
    Nur leuchtet mir nicht ein, was an solchen Institutionen verkehrt sein soll. Es gibt seit langem internationale Gerichtshöfe, s. http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/globalisierung/52814/internationale-gerichtsbarkeit .
    Schönheitsfehler: Verfahren dauern dort so lange, dass der Schutzzweck großenteils verfehlt wird. Einem Unternehmen, der aufgrund einer staatlichen Regelung vor 5 Jahren Konkurs anmelden musste, nützt ein Urteil mit dem Tenor „Aber eigentlich war deine Pleite unrechtmäßig“ nicht wirklich viel. Da bieten sich doch paritätisch besetzte, relativ schnell entscheidende bzw. vermittelnde Schiedsgerichte förmlich an!

    Freihandel beinhaltet auch Investitionsschutz! Warum sollen im Ausland – zugunsten des Auslands – investierende Unternehmen staatlicher Willkür schutzlos ausgeliefert sein? Und leider schließt Demokratie staatliche Willkür keineswegs aus:
    Demokratische gewählte Regierungen in Chile (Allende) und Venezuela (Chávez) haben US-Unternehmen enteignet. Um vor der eigenen Haustür zu kehren: Der nach Fukushima vollzogene Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem ‚Atom-Ausstieg‘ war IMHO ebenfalls eine rechtlich fragwürdige Enteignung. Der Gipfel: Die betroffenen Unternehmen müssen auch noch viele Milliarden ‚Rückbaukosten‘ zahlen. Folge: Es geht abwärts mit ihnen – inkl. Arbeitsplätze. .
    Vattenfall und E.ON klagen m.E. mit Fug und Recht dagegen, und zwar vor einem – längst bestehenden – Schiedsgericht, dem ICSID: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/umstrittene-milliardenklage-eon-und-vattenfall-machen-gemeinsame-sache-bei-atomklage-1.2189880.

    Fazit:
    Schiedsgerichte sind weder eine neue Erfindung noch sinnlos. Ohne dir das zu unterstellen: Bei vielen TTIP-Gegnern ist diese Scheinproblematik nur ein weiterer Vorwand für Anti-Amerikanismus – auch so eine Art Aberglaube.

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    • poisonivy schreibt:

      Anti-Amerikanismus ist kein Aberglaube sondern Selbstverteidigung … lol!
      Gentechnik schön reden wollen macht sie auch nicht besser. Ich denke da an Nuhr (nicht mehr davon) im ARD: Das macht ja Mutter Natur schon immer! Allerdings kreuzt Mutter Natur nicht Frösche mit Maispflanzen und dazu noch eine Prise Leuchtgene aus Glühwürmchen. So ein Projekt gab es tatsächlich! Was soll so eine Chimäre nützen? Freiwillig von Pflanze springende Mais-Kolben, die man auch im Finstern finden kann?
      Schaden kann so ein Unding aber durchaus, bitte nicht Wissenschaft zur Polemik benutzen. Und sich fachspezifische Risikobeurteilungen sparen, wenn man selbst kein Bio-Wissenschaftler ist. (Deutlich erkennbar an Ihrer Argumentation).

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      • Querdenkmaler schreibt:

        Na, da bin ich aber froh, dass hier mal ein (wodurch auch immer) ausgewiesener „Bio-Wissenschaftler“ fundierte „fachspezifische Risikobeurteilungen“ abgibt. Auch war ich Naivling mir über Sinn und Zweck der Gentechnologie gar nicht im Klaren; ich dachte tatsächlich, es gehe um genetische Modifikation von:
        – Pflanzen => Resistenz gegenüber Schädlingen => weniger Pestizide,
        – Pflanzen => Anpassung an den Klimawandel => weniger Hungertote in der Welt,
        – Nutztieren => Resistenz gegenüber Bakterien => weniger Antibiotika.
        Ganz nebenbei wähnte ich, dass vielleicht menschliche Krankheiten besiegt / gelindert und biologische ‚Ersatzteile‘ im Labor hergestellt werden könnten.

        Aber nein, es geht um „Chimären“ aus Fröschen und Maispflanzen! Zwar „kreuzt“ nicht nur Mutter Natur solcherlei nicht, sondern schlicht niemand, weil sich auch der letzte Depp ausrechnen kann, dass so etwas nicht lebensfähig und für nichts gut ist. Aber es ist schließlich eine bewährte Strategie, fiktive Bedrohungen zu erfinden, um sodann ‚überzeugend‘ dagegen zu argumentieren.

        Wenn es darum geht, einzelne Gene, z.B. zum Kampf gegen Parasiten, zu übertragen, kann das m.E. sinnvoll, wenn auch nicht in jedem Fall erfolgversprechend sein. Warum soll man sich die Leistungen der Natur im Gen-Engineering nicht zunutze machen / zum Vorbild nehmen, z.B. das Leucht-Gen?

        Auch frage ich mich, warum hysterische Europäer angesichts der realen Bedrohung durch hüpfende, leuchtende Maiskolben mit kriminellen Mitteln gegen simple Kartoffeln (s. Link im Beitrag), Mais oder Soja ‚demonstrieren‘? Amerikaner ernähren sich direkt oder indirekt (Viehfutter) seit zwei Jahrzehnten von dem Zeug. Schädliche Folgen sind bislang unbekannt; auf dieser Basis kann sehr wohl auch der Laie das Risiko beurteilen. Last but not least: Warum sollten ‚Schurkenkonzerne‘ wie Monsanto etc. ihre Kunden ‚vergiften‘ wollen? Damit sie in Zukunft keine Kunden mehr haben?

        Vertiefend: Wikipedia: Gentechnik

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