[Musik] Eine Art Weihnachtspost

Lange habe ich überlegt, was man zum ersten Blogweihnachten denn so schreiben könne – wenn man Weihnachtstotalverweigerer ist. Ich kann mit dem religiösen und erst recht dem kommerziellen Sinn (?) dieses Festes einfach nichts anfangen. Letzte Nacht habe ich die Kurve gekriegt – dank zweier wunderbarer Menschen aus Bethlehem! Nein, nicht aus Bethlehem, Pennsylvania, sondern aus dem Bethlehem.

Da ist zum einen mein Freund Khaled, seit Jahrzehnten in Deutschland lebend, aber seiner ursprünglichen Heimat immer noch intensiv verbunden. Multi-Kulti in einer Person:

  • einerseits perfekt integriert, im Job sogar deutscher, d.h. gewissenhafter als die meisten ‚Bio-Deutschen‘,
  • andererseits immer noch mit arabischem Temperament (inkl. einer gewissen … ähm … Dezibel-Affinität 😉 ) und eben Liebe zu Bethlehem sowie zur palästinensischen Kultur.

Die innerliche kulturelle Zerrissenheit, die Wanderern zwischen zwei Welten oft nachgesagt wird, kennt Khaled überhaupt nicht. Vielleicht auch eine Frage der Religion? Er ist nämlich Christ. Jüngst hat er mir ein paar Links zu Weihnachts-Umzügen in Bethlehem geschickt. Beispiel (Link für User der WordPress App):

 

Manches mag da etwas naiv anmuten; ein Eisbär mit Krawatte kommt m.W. in der Bibel nicht wirklich vor. Gerade diese kindliche Unbekümmertheit bei der Auswahl der Figuren und das Ambiente einer uralten, legendären Stadt, die unter einigen Schwierigkeiten zu leiden hat, machen das ganze m.E. wesentlich charmanter, überzeugender, m.a.W.: menschlicher als z.B. unsere austauschbaren Hochglanz-Weihnachtsmärkte. Auch scheint mir als Outsider diese fröhliche Art des Feierns dem doch freudigen Anlass weitaus besser zu entsprechen als die bierernste deutsche Zwangsbesinnlichkeit.
Trotzdem eine Warnung für sensible Ohren: Ab ca. der Mitte des Videos ertönt das wohl kitschigste und ausgelutschteste aller westlichen Weihnachtslieder! Zwar ist der Bethlehem-Remix etwas origineller als übliche Klingeling-Arrangements; dennoch: Ton aus! Echt!

Damit zu einem Lied, dass mir ebenfalls Khaled, der Gudste, vorgestellt hat und das mich tausendmal mehr berührt als alle White und Last Christmas-Schnulzen der Welt, gesungen von einer 21-Jährigen aus – klar doch! – Bethlehem:

Lina Sleibi. 

Li Beirut ist nicht neu. Dies ist das ca. drölfhundertste Cover. Es ist auch kein Weihnachtslied – und dennoch die wohl schönste musikalische Bescherung aller Zeiten für mich.

Diese panarabische Hymne an Beirut bzw. über Terror und sinnlose Zerstörung in der einstigen Perle des Nahen Ostens ist schon aufgrund des Ursprungs ein gelungenes Beispiel für einen musikalisch wertvollen Welthit. Sie basiert auf dem zweiten Satz des Concierto de Aranjuez des Spaniers Joaquín Rodrigo von 1939 (Original-Arrangement). Es ist also alles nur geklaut? Jein. Die spanische Musik ist bekanntlich stark von der arabischen beeinflusst; insofern könnte man Li Beirut auch als eine Art Re-Import betrachten.

Was aber Lina Sleibi mit ihrer klaren, starken Stimme daraus macht, ist atemberaubend. Auch wenn man nicht nahe am Wasser gebaut hat – bei dieser Version weiß man lediglich nicht, ob man vor Freude über ihre Musikalität oder vor Anteilnahme an ihrer tiefen Trauer heulen soll. Genug der schwachen Worte …

 

Hier noch Linas YouTube-Kanal. Nicht alles überzeugt musikalisch 100%ig. Aber es gibt schon verdammt gute Musiker in Palästina. In den Credits eines Videos erscheint ein israelischer Toningenieur; auch ein Grund zur Hoffnung.
Jedenfalls wünsche ich dieser Ausnahmesängerin eine große Karriere – und den LeserInnen dieses Blogs ein doch irgendwie besinnliches Fest in unserem doch sehr privilegierten Land.

Über Querdenkmaler

Berufe: Jurist, Musiker, IT-Berater. Hobbies: Web-Aktionismus (seit 1999), Musik, Geschichte, Linguistik, Strategiespiele.
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3 Antworten zu [Musik] Eine Art Weihnachtspost

  1. Khaled schreibt:

    Lieber Michael,
    vielen Dank dafür, dass Du in deinem Blog einer jungen friedlichen Stimme aus Bethlehem/Palästina Platz geboten hast. Lina’s Stimme trägt vor allem Hoffnung, was im heiligen Land bitter nötig ist! Trotz allen Schwierigkeiten und Trauer dort, möchten diese Menschen, die an diesem Ort ursprünglich verkündete frohe Botschaft, gerade zu Weihnachten, auch weiterhin fröhlich weiter verkünden, auch wenn es besonders schwer fällt! Dennoch fallen die Feierlichkeiten zu Weihnachten dieses Jahr in Bethlehem, aufgrund der traurigen Ereignisse und Menschenverluste in den letzten Monaten, sehr mager aus. Die Botschaft aus Bethlehem lautet ja:
    „All I want for Christmas is Justice“

    Man kann dieser uralten Stadt und Land, wo alles für alle Christen der Welt begann, vor allem Frieden und Gerechtigkeit wünschen. Einfache Worte, aber nahezu unmöglich zu realisieren, leider! (möchte hier keine politischen Diskussionen anfangen)

    Zum Schluss:
    Integration hat wenig mit Religion zu tun, vielmehr mit Bildung, Akzeptanz (gegenseitig) und Chancengleichheit. Letztendlich ist aber jeder seines Glückes Schmied!

    Mit den besten Grüßen aus dem „Doppelherz“

    Gefällt 1 Person

    • Querdenkmaler schreibt:

      Bzgl. Integration und Religion bin ich etwas anderer Meinung.
      1. Christen fällt IMHO die Anpassung an den deutschen Lebensstil leichter als strenggläubigen Muslimen mit ihren speziellen religiösen Vorschriften.
      2. Richtig, Akzeptanz. Und da ist es leider so, dass viele Deutsche einen Christen, egal aus welchem Teil der Welt, eher akzeptieren als Andersgläubige. Noch krasser ist es in Polen, wo überhaupt nur noch Katholiken ins Land gelassen werden.

      In erster Linie hat erfolgreiche Integration aber wohl mit Intelligenz (auf beiden Seiten) zu tun; und damit bist du ja reichlich gesegnet. 🙂

      Gefällt mir

  2. Pingback: [Musik] Die Hymne | Querdenkmal

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